Der ELK ist ein verbindendes Element zwischen Eltern und Lehrkräften. Dort werden verschiedenen Schulthemen wie Medienkonzepten und Schulsozialarbeit bearbeitet. Regelmäßige Treffen bieten Raum für Initiativen und klassenübergreifende Gespräche.
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Pädagogisches Wochenende am 6. und 7. März 2026

Stärkung der Ich Kräfte – Ein Blick auf einen zentralen Gedanken der Waldorfpädagogik
Was ist das Ich – und wie können wir unsere Kinder auf dem Weg der Ich-Entwicklung begleiten und stärken? Der Vortrag von Prof. Dr. Tomáš Zdražil am 6. März zeigte auf, wie viele Elemente der Waldorfpädagogik diese Entwicklung im Blick haben. Der Vortrag fand im Rahmen des pädagogischen Wochenendes an unserer Schule statt.
Die innere Geburt – das „Ich“ wird bewusst
Kleinkinder ab etwa drei Jahren beginnen das Wort „ich“ zu verwenden. Sie erleben sich aber noch nicht als vollständig eigenständige Personen, sondern sind eng mit ihrer Umgebung und den Bezugspersonen verbunden. Erst um das 9. bis 10. Lebensjahr setzt ein tiefgreifender Entwicklungsschritt ein: Das Kind erkennt bewusst, dass es ein eigenes Ich hat – getrennt von Eltern, Lehrkräften und der Welt um es herum. Diese Erkenntnis wird auch als innere Geburt bezeichnet, im Gegensatz zur körperlichen Geburt, wenn wir auf die Welt kommen.
Das Bewusstwerden des eigenen Ich kann leise und allmählich verlaufen oder sich in einem klaren, erinnerbaren Moment zeigen. Manche Kinder erschrecken auch, wenn sie plötzlich spüren: Ich bin ich – und du bist du. Ich lebe alleine in meinem Körper, mein Ich kann ich nicht teilen.
Der Rubikon – ein notwendiger Schritt zur Selbstständigkeit
In der Waldorfpädagogik wird die Zeit um das 9.-10.Lebensjahr auch als „Rubikon“ bezeichnet: Das Kind tritt aus der unreflektierten Verbundenheit heraus und gewinnt die Fähigkeit zur inneren Distanz. Es beginnt zu hinterfragen, zu zweifeln und sich als eigenständige Persönlichkeit zu erleben. Während jüngere Kinder noch nachahmen und glauben, was Erwachsene sagen, entsteht nun zunehmend ein eigenes Urteil – und damit auch der Wunsch, die Welt zu verstehen.
Fragen, Zweifel, Unsicherheiten oder ein Gefühl der Isolation können auftreten. Eltern und Lehrkräfte sind nun gefordert, Brücken zu bauen und dem Kind neue Formen der Verbindung mit der Welt zu ermöglichen.
Kinder brauchen Bewegung, Spiel und Freiräume
Mit jeder körperlichen Bewegung eignen sich Kinder ihren Körper an, sie lernen ihn kennen und einschätzen, er wird ihr zuhause. Wird der Körper aktiv genutzt, erhält die Sprache und das Denken zunehmend mehr Raum. Das Spielen mit anderen Kindern ist ein intensives Kommunikationstraining, Regeln werden gemeinsam festgelegt und können jederzeit geändert werden, es wird gestritten und nach Lösungen gesucht. Spielen mit anderen Kindern, ohne Erwachsene die Regeln vorgeben oder überwachen, war früher selbstverständlich – doch genau diese Erfahrungen werden heute seltener: Kinder haben heute zu wenig Gelegenheit unbeobachtet mit anderen Kindern zu spielen, sie verbringen nur noch wenig Zeit in der Natur, ihr Körper wird weniger herausgefordert und es ergeben sich weniger Gelegenheiten Mutig und Selbständig zu sein.
Körperbewusstsein und Selbstwirksamkeit
Die Waldorfpädagogik verknüpft Körper und Geist bewusst: Rechnen wird beispielsweise mit viel Bewegung eingeführt – durch Klatschen, Stampfen oder rhythmische Schritte. Handwerkliche Tätigkeiten begleiten die Kinder über viele Jahre, gestartet wird mit weichem Ton über Holz und Kupfer, bis hin zu den harten Materialien wie Eisen und Stein. Diese Arbeit mit den Händen stärkt nicht nur die körperlichen Fähigkeiten, sondern auch die innere Erfahrung: Ich plane etwas und ich kann es auch umsetzen, ich bin selbstwirksam.
Sprache als Brücke zur Welt
Auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle in der Waldorfschule. Künstlerisches Sprechen, wie beim Morgenspruch, Gedichte rezitieren oder Theater spielen – all das ist „in Beziehung mit der Welt“ treten. Sprache verbindet mein „ich“ mit den Menschen um mich herum. Nicht zufällig findet sich auch im Morgenspruch ab der Mittelstufe das geänderte Ich-Bewusstsein: „ich schaue in die Welt…“ und „ich schaue in die Seele…“. Mit Hilfe der Sprache können wir Brücken bauen und in Beziehung treten. Ein Beispiel ist das Projekt Feldmessen – hier müssen Heranwachsende sich in kleinen Gruppen intensiv besprechen und sich auf Lösungen einigen.
Gemeinschaft – in Beziehung treten
Die heutige Jugend spürt viel Einsamkeit und das wird auch als eine Auswirkung von Social Media betrachtet. Echte Verbindung stärkt dagegen die Ich-Kräfte. Die Waldorfschule kann mit einer Klassengemeinschaft, die über viele Jahre angelegt ist, einen wichtigen Anker bieten. Und auch die Lehrkräfte sind meist über viele Jahre hinweg beständige Bezugspersonen für die Heranwachsenden. Ebenso bietet das Miterleben einer großen Schulgemeinschaft, also die Verbindung zwischen Eltern, Lehrkräfte und Mitarbeitenden, eine Stärkung für unsere Kinder.
Überbehütung und „Unterbehütung“ – eine Herausforderung unserer Zeit
Ein eindrücklicher Gedanke war die Beobachtung, dass Kinder heute zunehmend in der realen Welt überbehütet und gleichzeitig in der digitalen Welt „unterbehütet“ sind. Kinder und Jugendliche haben im echten Leben meist wenig Freiraum für Selbstbestimmung, und gleichzeitig zu viel Autonomie, also zu wenig Schutz, im Internet. Beides kann die Entwicklung eines gesunden Ichs beeinträchtigen. Was Heranwachsende brauchen, sind echte Erfahrungen mit allen Sinnen, und darum bemüht sich die Waldorfpädagogik.
Selbst denken – ein unverzichtbares Ziel
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz jederzeit Antworten liefert, wird es noch wichtiger, das eigene Denken zu stärken. Jugendliche delegieren zunehmend „Denken“ und „Entscheidungen“ an KI. Warum noch selber denken? Ich kann doch ChatGPT fragen… Die Waldorfpädagogik setzt bewusst auf die Schulung von Beobachtung, Wahrnehmung und eigenständige Schlussfolgerungen – zum Beispiel im naturwissenschaftlichen Unterricht. Kinder sollen Zusammenhänge selbst entdecken, statt fertige Theorien präsentiert zu bekommen. Es ist eine wichtige Aufgabe von uns Eltern und Lehrkräften, unsere Kinder im Vertrauen in das eigene Denken zu stärken.
Schlaf als Grundlage für Lernkraft und Ich-Stärke
Zum Abschluss wurde auf die große Bedeutung des Schlafes hingewiesen. Ausreichender und erholsamer Schlaf ist die Voraussetzung für Gedächtnis, Motivation, Ausgeglichenheit und Entschlusskraft. Schlafstörungen nehmen zu, auch unter Kindern, und können ein Hinweis auf geschwächte Ich-Kräfte sein – sie sollten unbedingt ernst genommen werden.
Herzlichen Dank an Prof. Dr. Zdražil (Freie Hochschule Stuttgart) für die Einblicke in die Waldorfpädagogik und die Anregungen für den privaten Familienalltag.
Amelie Knauß-Schweer für den ELK
Ein Tag voll schöner Begegnungen und Ich-Stärke
Am 7. März durften wir den Workshop-Tag des diesjährigen pädagogischen Wochenendes genießen. Rund 40 Eltern und Lehrkräfte aus unserer Schulgemeinschaft hatten sich angemeldet und trafen sich morgens um 9 Uhr zum gemeinsamen Start im Saal. Andreea Sadri-Mittner stimmte uns mit einem Lied und einem Kreistanz ein, woraufhin wir uns in unsere Workshops auf den Weg machten.
Im Formenzeichnen bei Sylvia Seyb beschäftigte sich die Gruppe den Tag über mit den Entwicklungsaufgaben der Schüler:innen von Klasse eins bis fünf und wie das Formenzeichnen diese Entwicklung unterstützen kann. Wenn beispielsweise in Klassenstufe vier alles sehr chaotisch ist im Kind, erfährt es durch Struktur schaffende Formen Klarheit und Unterstützung für seine Entwicklung.
Im Workshop „UnterschiedlICH“ bei Kai Zeuner befasste sich die Gruppe mit Themen wie Respekt, Toleranz und Ausgrenzung. Nach einem Blick in die Psychologie und der Frage „Was führt eigentlich dazu, dass man sich ausgegrenzt fühlt“ wurde am Nachmittag betrachtet, wie sich einzelne Schulklassen eine Haltung erarbeiten können, die die Gemeinschaft stärkt und Ausgrenzung vorbeugt.
In der Biographiearbeit bei Susanne Schwaier wurden die Jahrsiebte betrachtet mit Fokus auf die großen Ich-Erkenntnisse des Kindes. Die Teilnehmer:innen bekamen Zeit, ihre eigene Biographie zu reflektieren und Parallelen zu den eigenen Kindern zu ziehen. Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede und wo ist der Raum für Begegnung?
Eine vierte Gruppe beschäftigte sich am Vormittag mit Heileurythmie bei Bärbel Laiblin-Azzola und am Nachmittag mit Sprachgestaltung unter der Anleitung von Semjon Dolmetsch. Während es am Vormittag um die Bewegung im Raum und die Qualität der einzelnen Vokale und Konsonanten ging, erlernten die Teilnehmer am Nachmittag den bewussten Einsatz des Körpers, um der eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen.
Workshopgruppe fünf verbrachte den Tag unter Anleitung von Gerhard Reiß in der Druckwerkstatt. Nach einem Blick in die Druck-Epochen der Schüler:innen, durften die Teilnehmer:innen selbst erfahren, welche Kräfte das kreative Schaffen weckt. Am Vormittag wurden Bilder in Metallplatten geritzt, die am Nachmittag mit unterschiedlichen Techniken auf Papier gedruckt wurden.
Knapp fünfzehn Kinder durften den Tag bei herrlichstem Sonnenschein auf dem Gelände und in den Räumen der Kernzeit genießen, unter der Betreuung unserer FSJ-ler:innen Sarah Westphal und Paul Thunert. Auch die Erwachsenen hatten in den Pausen viel Zeit für Begegnung und Austausch, neben köstlicher Verpflegung mit Kuchen und einem leckeren Linsen-Dal. Somit war der Tag, als er um 16:30 Uhr mit einem gemeinsamen Abschluss im Saal endete, für alle ein rundes und bereicherndes Erlebnis.
Wir danken an dieser Stelle allen Dozent:innen, sowie unseren FSJ-ler:innen und dem Organisationsteam des ELKs sehr herzlich für die Planung, Gestaltung und Durchführung des Pädagogischen Wochenendes!
Kati Neundorf für den ELK



